Review: Ausstellung „Borders“ der offbeat.gallery

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„Where did we just step into?”, fragt eine junge Frau ihre Freunde. Sie ist Teil einer sechsköpfigen Gruppe, die die Ausstellung „Borders“ der offbeat.gallery besuchen – und die zunächst etwas überwältigt zu sein scheinen. Ihr erster Schritt geht in den hellbeleuchteten Raum direkt neben dem Eingang, in dem sie ein Potpourri an Zeichnungen und Fotos begutachten können, die sich mit einem kinky Blick dem Thema Grenzen und Grenzerfahrungen widmen.

Die Interpretation der Künstlerinnen und Künstler ist dabei so unterschiedlich wie sie selbst. Patrick Henne spielt mit seinen surrealen und provokanten Bildern gekonnt mit der Grenze zwischen Schönheit und Ekel. Mit Motiven wie einem Jesus, der ein Plug in der Hand hält, oder einer Frau, die eine Anusgeburt gibt, mag er manche schockieren – kalt dürfte er keinen gelassen haben. Doch die von M aus Berlin kuratierte Ausstellung lebt von ihrer Abwechslung. Keinen Meter neben Henne hängt sexy Pop Art von Marie.DK_030 und stilvolle Aktzeichnungen von ASP Arts, deren weibliche Motive einen unschuldigen und doch so selbstbestimmten Blick zeigen, der einen sofort den Bann zieht.

Lyden zeigt eine Frau, die sich auf vier Fotos verteilt Schritt für Schritt die Schnur durchschneidet, die ihren Mund zunäht und die so aus den Grenzen, die das Patriarchat ihr setzen will, ausbricht. Ein Highlight war auch der sehr detaillierte, großflächige Blick auf die Anatomie der Vulva und der Klitoris – die Abbildungen wurden verfeinert mit Menstruationsblut von Frauen – von Dr. Stephanie Kossow, die im Verlauf des Abends noch aus ihrem Buch „Das Gute an schlechtem Sex“ vorgelesen und mit den Gästen darüber diskutiert hat. In diesem stellt die Medizinerin und Sextherapeutin charmant und fachkundig provokante Thesen auf, zum Beispiel: Analverkehr sollte die normale Sexualform sein. Schließlich mache eine Prostatamassage allen Spaß und wenn Frauen auch Männer penetrierten, löse sich das Machtverhältnis auf, das durch das Eindringen in die andere Person entstehe. Eine weitere spannende Kossow-These: BDSM für den Weltfrieden. Der Fokus auf Consent und der dadurch entstehende Zwang, über die Grenzen von sich selbst und anderen offen zu sprechen, diene als Vorbild für internationale Politik.

Die insgesamt rund 140 Besucher der Ausstellung konnten nicht nur in dem hellen Raum direkt neben dem Eingang Kunst bewundern. In dem langgezogenen Flur stellte Daniel Harms – der sein Sabbatical für „Borders“ unterbrach und sogar entgegen seiner Gewohnheit eine Ausstellung mit einem seiner Werke besuchte – eine 4,20 Meter lange Zeichnung aus Ölfarben aus. Was die Bedeutung des futuristischen, düsteren und grotesken Gemäldes voller kleiner Details ist, durfte jeder für sich interpretieren. In dieser Hinsicht klarer, aber nicht weniger fesselnd war die Fotoserie von Andreas Maria Kahn direkt daneben. Er zeigte Menschen, die nackt in Vogelkäfigen oder kleinen Aquarien eingeschlossen waren und ganz unterschiedlich mit den engen Grenzen um sie herum umgehen. Maximum Tension illustrierte in drei Fotos eine Frau mit Halsband und Nippelklemmen, die ob ihrer Körpersprache wohl an ihre Grenzen geführt werden will.

Abgerundet wurden die ausgestellten Kunstwerke von sehr abwechslungsreichen, berührenden Performances. Großes Interesse weckte gleich zu Beginn der reizende Kennie Bunn, der sich bis zur Bewegungsunfähigkeit in mehrere Korsetts zwängte und nur von der hohen Deckenwand, an die er festgebunden wurde, vom Fallen abgehalten wurde. Reden konnte er nicht mehr. Auf dem Tablett, das er sich umgelegt hat, konnten die Gäste in einem kleinen Magazin nachlesen, welche Kinks und Fantasien Bunn damit verbindet – literary bondage hieß es auf dem Programm so passend wie zweideutig.

Ein absolutes Highlight stellte die kinky Interpretation der Habanera aus der Oper Carmen dar. Siren de Sade hat sie schon unzählige Male gesungen, aber noch nie so: Im Ganzkörper-Latex Outfit, dessen tiefes schwarz nur durch eine rote Mähne und rote Handschuhe durchbrochen wurde, mit einem Umschnalldildo zwischen den Beinen. Der im Verlauf der Performance den Weg über ihren Mund bis in den Rachen fand. Wunderschön hoch singen und den Dildo tief nehmen – für de Sade beides kein Problem.

Die Gäste der Ausstellung konnten auch gleich zweimal die Klänge des Naked Cellist genießen. Zunächst spielte er das Cello nackt, später begleitete er dann angezogen eine fesselnde Geschichte von Shopienella Shibari, in der alle Anwesenden wahre Fesselkunst begutachten konnten. Ein Erlebnis für Herz, Ohren und Augen.

Ganz ohne ihren Mund zu benutzen, performte Fritzi die Große ihren Power Circle Auftritt. Die Bühne diente als ihre Grenze. Langsam befreite sie sich aus einer dunklen, offenbar zerstörerischen psychischen Phase – Schritt für Schritt dann auch symbolisch von ihrem orangenen Gefängnisoutfit –, bis sie wieder das Licht sehen konnte. Das stilvoll eingerichtete Spielzimmer der offbeat.gallery mit aufwendig gestalteten kinky Möbeln hätte den Gästen jederzeit die Möglichkeit geboten, die erotischen Inspirationen direkt mal auszuleben. Genutzt haben das nur wenige. Die Menschen kamen für die Kunst – und blieben für den Austausch darüber auch gerne etwas länger als vielleicht geplant. Die junge Frau, die sich am Anfang fragte, wo sie denn hier gelandet sei, sagte später jedenfalls auf die Frage, wie sie es denn nun fand: „Definitely not what I expected – but a fascinating experience.“ Mit Erwartungen brechen und dabei faszinieren – ein gelungener Abend mit Kunst und Kink.

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